Freitag, 28. Dezember 2007

°°°Sand°°°

Mit Worten
kann man niemanden
ein Loch in den Kopf
schießen

Ohne Arme
kann man kein Gewehr bedienen
doch Armlose hatten nie
geschossen

Donnerstag, 27. Dezember 2007

---Siegeskranz

Mit einem blutendem und einem trockenen Auge
sind wir noch einmal davon gekommen
Jeder Schritt bedeutete den Tod

Nun erzählen die Partikel von Vernichtung
Die Wunden werden gestillt, die Kinder schreien
Heiserkeit legt sich über die Welt

Niemand hat jemals etwas gesprochen
damals, als Stille tödlicher als Infanterie.

Namen verhallten ungehört im Ascheregen der Amnestie
Kämpfende Herzen wurden im Frieden zerbrochen

Der Stein geworfen bevor das Urteil fällt
Im ewigen Einsatz um Unterdrücker zu befreien
findet jeder das Glück in einer anderen Richtung

Vergessene Schmerzen tränken Alltag in Rot
Die Zweifel zerstreut, bittere Erkenntnis gewonnen
Um die Opfer bildet sich keine Menschentraube

Dienstag, 25. Dezember 2007

- Front -

ain't no lullaby
powerless you watch
gifted in every field of knowledge
yet blessed with superior ignorance
i could shoot myself
in front of you
you would still simper

it's a taunt jeer
in your eyes the coldness of centuries
countless souls put to death
alternatives laid to waste
i cut myself free
but freedom has expired
you continue to smile

undam the damned
they have nowhere to go
except off the hooks
innocents turn into a bloody mass
it's a lovely spectacle
all those colours, mainly red
and you can only blink

isn't it ironic
how the fire cannot be extinguished
by the very ones
that caused extinction of reality
the world falls to ashes
humanity to dust
in front of you
while you grin stupidly
everyone resembles you

Skurrile Nacht, Heilige Nacht

Persönlich gesprochen freue ich mich immer ein wenig auf die letzten Tage des Jahres. Kaum wegen den Ferien, die die sind immer mit viel Arbeit angefüllt, da wir sofort an den ersten Schultagen Klausuren schreiben und ich vier Vorträge allein in den ersten zwei Wochen halten muss. (Ich könnte mir schlechte deutsche Kenntnisse gar nicht leisten.)

Der Winter ist eine faszinierende Jahreszeit. Göttlichkeit kann man in einer Schneeflocke entdecken. Das Eis knistert unter den Stiefeln, die frierend-taube Zehen umgeben; was Wochen zuvor noch schlammiges Gebiet war, ist jetzt steinhart gefroren; die Nachbarn fluchen über das Schneeschippen und das auf Grund der vereisten Scheiben nötige frühe Aufstehen; meine Zimmertempertur sinkt auf durchschnittliche 14 Grad (16° an guten Tagen, wenn die Heizung ausnahmsweise einmal anspringt, und das nicht nur nachts, wenn sowieso unter 10 Grad herrschen); man sieht nur noch vereinzelt Miniröcke oder Shorts mit Tennissocken; es wird Mitten am Tag dunkel; einige Pflanzen sind noch etwas grün, weil sie biologische Frostschutzmittel in ihre Gewebe einlagern (ein Hoch auf die Evolution, Gottes deutlichstes Zeichen neben direkter Offenbarung); alles ist von filigranen Kristallen bedeckt; man sieht seinen eigenen Atem; Walnüsse keimen erst nach einer Frostperiode; verzweifelt häufelt man psychedelisch bunte, aber geruchslose Rosen an (mehr Schein als Sein – der Mensch sollte nicht aus oberflächlichen*** Motiven an der Umwelt herumpfuschen); riesige schwarze Vögel begutachten einen misstrauisch...

Und das Gebäck erst! Lebkuchen, Baumkuchen und Stollen sind wahrscheinlich die einzigen typisch deutschen Speisen, die ich wirklich mag.**** (nun esse ich das auch nicht täglich, ich muss noch in meine Raqs Sharqi Kostüme passen) Ich hätte nicht gedacht, dass es so schwer ist Stollen zu finden, der keine alkoholgetränkten Sultaninen enthält. Leyla bekommt immer die Stücken mit dem dicksten Butterrand, damit sie etwas an Gewicht zulegt.

Dieses Jahr haben wir uns daran versucht, Lebkuchen zu produzieren. Lasst es mich so ausdrücken: Das Ergebnis ist nicht für künstliche Rentnerzähne geeignet.

Geschenke gibt es für uns eigentlich keine. Aber natürlich freuen wir uns über Gaben von anderen, die von Herzen kommen. Doch wer (zumal noch als Atheist o.O) tatsächlich auf die Idee kommt, dass ein Qur'an das passende Geschenk für eine muslimische Familie(die - weiß Gott- schon genügend Heilige Bücher haben sollte, das nur mal am Rande ;-) ) zu einem christlichen Fest ist, sollte mir erstmal seine Gedankengänge erklären. Vielleicht führte ja die Befürchtung, dass man Muslimen nichts anderes zumuten kann, zu dieser skurrilen Überlegung?
Nur – was schenkt man zurück? (In Analogie eine Bibel, aber mich sträubt es ehrlich gesagt eine zu kaufen und normalerweise sind die Schenkenden nicht religiös genug... ;-P; ein Duschbad? - dann hat der Empfänger wohlmöglich eine Allergie und schon genug Hygieneartikel; ein Buch? - was liest derjenige denn?; so bekommen wohlmeinende Mitmenschen meist eine Packung Baklava und ein Tuch, welches lustigerweise oft als Wandschmuck oder Tischdecke endet)

Von einem Arbeitskollegen meines Vaters sind wir am morgigen Tag zum Essen eingeladen.
Können Kaninchen eigentlich unter haram-Geschlachtetes fallen?

Für unsere Nachbarn, die drei kleine Kinder haben, darf ich heute abend den Weihnachtsmann spielen. Irgendwie zweifele ich ein bisschen an meinem Schauspieltalent. („Wenn du deinem Nachbarn nicht freundlich gesinnt bist, bist du es auch nicht gegenüber irgendeinem anderen in der Welt“)

Id milad il-masih* sa'id , Felices Navidades, Joyeux Noel; xinnian kuai le and a Happy New Year. Und ein gesegnetes Neues Jahr, natürlich.**

*Was eigentlich die koptische Variante von Weihnachten ist, die meines Wissens nach am 7.Januar gefeiert wird. Ein allgemeiner Glückwunsch wäre: Kullih 'am wenta bi-her! (Mir fällt gerade auf, wie hässlich und unsinnig die Transliteration im Vergleich zum arabischen Schrifttext wirkt...)
** Ich bin gespannt, ob ihr wisst, welche Sprachen das alles sind, von den letzten beiden einmal abgesehen.
*** Ich betone das so explizit, damit man mir nicht vorwerfen kann, ich hätte was gegen Kulturpflanzen.
**** Und Knödel mit Rotkohl, aber das ist eine andere Sache.

Montag, 24. Dezember 2007

Jesus würde hier einkaufen

Von Kindern heiß ersehnt und für viele Erwachsene mit Einkaufsstress verbunden – ist es endlich gekommen.
Von der Freude über Jesus' Geburt sind die Feiertage sicher nicht geprägt.
Für Neoheiden (und sicher einige andere in traditionellen Kontexten) ist die Wintersonnenwende/Yul auch das Fest der Wiedergeburt. Die Tage werden länger, die fruchtbarere Zeit kehrt zurück. Die Frage, warum die Geburt des christlichen Messias auf etwa den 24. Dezember datiert wurde, stellt sich fast überhaupt nicht mehr.
Für die Mehrheit der Christen in Deutschland (und ebenso England) ist nun auch der Anlass gegeben, zum einzigen Mal im Jahr die Kirche zu betreten.

Das Fest der Liebe scheint nur dann seinem Namen treu zu werden, wenn unter dem Weihnachtsbaum Dessous (an sich nicht verfänglich) oder CDs von Interpreten liegen, deren Texte Zeilen wie „wenn du mich schlägst, weil es dich erregt“ (die Lolitavariante) oder „in deinen starken Armen zu liegen“ (Volksmusikedition) beinhalten.

Der Bild-der-Frau-Pastor beweint den Verlust der „traditionellen [christlichen] Werte“ (ewig die selbe Litanei vom Werteverlust der Gesellschaft, als wäre sie eine Aktie und das Leben ein Börsenspiel), ich würde es eher Mangel an Vernunft und Altruismus nennen.

Als Muslime feiern wir Weihnachten nicht. Nach Ramadan verteile ich Kekse oder Honig (dieses süße Gelee, dass manchmal auch türkischer Nougat bezeichnet wird, was die Griechen, die die Spezialität auch kennen sicher ärgern wird) unter meinen Mitschülern; und Almosen sind wir sowieso verpflichtet zu geben (aber an Bedürftige, nicht an an verzogene, gierige Kinder/Mitmenschen ;-) ), daher sehe ich nicht die Notwendigkeit eine große Geschenkorgie zu zelebrieren. (Muslimische Kinder bekommen Geschenke – schließlich sind wir nicht die Zeugen Jehovas - aber zu anderen Anlässen.)

Ein wenig neidisch enttäuscht genervt kann man schon werden, wenn man die Berge von Gaben sieht. Mit ein bisschen Weihrauch und Myrrhe ist es da nicht getan. Vielmehr muss eine Playstation 3, Markenklamotten oder 200 Euro von der Oma angeschafft werden.
Natürlich eignen sich solche Geschenke prima zur Sozialisierung – das haben die Spielehersteller erkannt und produzieren daher Plastik-High-Tech-Küchen sowie „intelligente“ Puppen für Mädchen und Werkbänke oder Actionfiguren für den männlichen Nachwuchs. Die Eltern machen es sich einfach und erfüllen die (fremdgesteuerten und immer fordernder werdenden) Träume der Sprösslinge, ohne über die Implikationen nachzudenken.
Weihnachten ist die höhepunktliche Manifestation des Konsumdenkens. Selbst wer das Jahr über inbrünstiger Stromsparer war, lässt jetzt die Schwibbögen, Lichterketten und motorbetriebenen Pyramiden 24/7 eingeschaltet.

Jesus würde sich im Grabe umdrehen, wenn er denn eines hätte. So schüttelt er wohl im Himmel den Kopf und hält mitleidig seinen Vater davon ab, Feuer auf die Komsumgesellschaft regnen zu lassen. [Halt – falsche Kassette.]

Sonntag, 23. Dezember 2007

Fragility

The honesty of the dying
Why this make-believe?
As if we had no truth
Of our own
We stumble through the night
The light that used to guide us
Has been extinguished
By misguided belief
If the eyes are made to see
Why is our path so obscure?
I see with my heart
It’s pounding like mad
Does that mean I’m alive?
Pulled down to our knees
Why does no one rise?
The call from the depths
of reason
begging to replace insanity
with humanity.
All the chances in between
Bliss and blight
When our souls are in turmoil
Who’s there to console us
Like a mother does with her child?
I hold on to what I perceive as real
And if it crumbles
Will I worship the shattered pieces?
We have been told
So many stories
Of virtuous knights
But who did they leave behind?

Samstag, 22. Dezember 2007

Uncle Michel needs YOU!

Ich schließe die Wohnungstür auf. Stille begrüßt mich. Dann endlich hält es unser Wellensittich Osama* für nötig, in den Flur zu fliegen und auf meiner regendurchnässten Schulter zu landen. Sekunden später beißt er mir in das Ohr. Ich bin seine Hassliebe gewohnt. Auf dem Tisch in der winzigen Küche stehen Fareeds durchweichte Cornflakes. Ich werfe die Post daneben und beginne den Geschirrspüler auszuräumen. Osama frisst die Lotteriegemeinschafts-Werbung an. Sie schmeckt ihm nicht. Mein vom Dampf des Spülers getrübter Blick fällt auf einen großformatigen Brief mit dem unscheinbaren Eisernen Kreuz** in der oberen Ecke. Unter dem Emblem befindet sich der Schriftzug “Bundeswehr”. Auf Arabisch “Mein Schatz, ich vermisse dich” zwitschernd , macht sich Osama über den Umschlag her. Der gefällt ihm besser.
Wie in verwunderter Trance beginne ich zu lesen: “Sehr geehrte Frau Fatima al-XXXXXX, für ihre Zuschrift danke ich Ihnen.” Leider kann ich mich nicht erinnern, jemals an den Bund oder das Verteidigungsministerium geschrieben zu haben. Oder überhaupt an eine offizielle Stelle in Deutschland, von Einwanderungs und Visaanträgen einmal abgesehen, worauf das Militär aber eigentlich keinen Zugriff habe sollte. Falls doch, wäre es noch irritierender. An dem Gewinnspiel bei der letzten Rekrutierungsveranstaltung am Gymnasium habe ich nicht teilgenommen, dadurch können sie nicht an meine Addresse gelangt sein. Vielleicht brauchen die Waffeningenieure, denke ich schmunzelnd, da weißt du doch soviel darüber.
Anbei befindet sich ein Y! Magazin, einige Poster und ein Katalog zu Ausbildung, Lohn/Sold und Einsatzmöglichkeiten. Ein bezahltes Studium würde mich schon reizen, allerdings stört mich die Tatsache der Auslandseinsatzverpflichtung, das ganze System und die Ansprache mit Frau [Offizier]/etc. (obwohl das anhängte -in seltsam klänge) - und die Tatsache, ein Rädchen in der Tötungsmaschinerie zu werden, ein Mitläufer, sterben im Staub, erschießen ohne Gedanken an die Opfer zu verschwenden.

Nun würde man mich sicher nicht für tauglich erklären – so verzweifelt ist das deutsche Millitär sicher nicht. Ich bin 1.60, stark weitsichtig, habe knapp 10 Notenpunkt in Sport und mir fehlt etwas ganz Entscheidendes – die deutsche Staatsbürgerschaft. Da hat wohl einer seine Hausaufgaben nicht gemacht.

*kein Scherz, zumindest nicht unmittelbar
** Heißt das so?

Freitag, 21. Dezember 2007

Von Schleiersöldnern, Bauchtänzerinnen und Koranrezitation – Der Islam auf YouTube

Mit einer halbleeren Schale koscherer Eiscreme, die uns freundlicherweise von einem jüdischen Kollegen meines Vater überlassen wurde, ziehe ich mich in mein Zimmer zurück. Das Eis schmeckt entgegen der vermutlichen Packungsbeschriftung nicht nach Vanille, aber vielleicht liegt das auch an meinem Hebräisch – oder dem augenscheinlichen Mangel davon.
Nach einer Stunde Elephant auf YouTube gebe ich in einem Anflug von religiösem Interesse den Suchbegriff „Islam“ ein.
Von Missionarssendungen über kritische Betrachtungen, Alltagsanekdoten, Dokumentationen, arabischem TV und Musik „for ma siztaaz“ erstreckt sich die große Auswahl.

Besonders angetan hat es mir das Niqabi-Squad. Das sind Muslimas mit vorgebundenen schiefen Tüchern in grellen Farben (die ihnen den Look eines Links-Autonomen verleihen), die über ihnen am Herzen liegende Themen referieren – bevorzugt Gleichberechtigung, die Schönheit des Islam und die Vorzüge der Verhüllung. Natürlich nennen sich die jungen Frauen, mehrheitlich Konvertinnen, nicht so. Aber ihre Beiträge sind durch Video-Responses untereinander vernetzt; und so kommen skurrile Serien zustande wie reihenweise hämische Kommentare zur Burqa-Verbrennungs-Competition. Bei dieser sicher gutgemeinten (wie alles, das mit der muslimischen Frau zu tun hat...) Aktion sollte eine Burqa gekauft werden und dann ein Video ihrer Verbrennung auf YouTube online gestellt werden. Muslims and Infidels Unite, unter dem Banner eines so sinnlosen wie kontraproduktiven Wettbewerbs. Wahrscheinlich würden Vegetarier keinen Hackbraten kaufen, um ihn dann öffentlich auf die Wiese zu schmeißen – obwohl man sich bei PETA da nicht sicher sein kann (nach den neuesten Kopfsalat-Softpornos). Glücklicherweise war die Resonanz so gering wie die Empathiefähigkeit von Omar, einem der Rechtgeleiteten Kalifen.

Diesem werde ich sicher nicht das letzte Wort überlassen, doch für Ausschweifungen fehlt mir die Zeit.
Zum Zwecke des Abgucken einiger Tricks klicke ich mich durch Aufnahmen von Auftritten von Raqs-Sharqi-Tänzerinnen, besser bekannt als Bauchtanz. Wer schon einmal einen Kurs dafür besucht hat, weiß, dass dies eine Fehlbezeichnung ist. Muskelkater in den Beinen und Schultern ist üblich und die Seniorinnen, die nach einer ihrer zahlreichen Fernreisen auf den Geschmack gekommen sind, klagen über Hüftschmerzen. Ein bisschen erstickt geglaubter Nationalstolz steigt auf, als eine libanesische Tänzerin eine atemberaubende Performance zeigt. Die türkischen Damen tanzen größtenteils mit Absatzschuhen – Erotik pur, aber fast keine künstlerischem Elemente mehr. Dank schmaler Konturen werden die Träume des männlichen Publikums wahr, aber das Selbstbewusstsein der Frauen ist gering. Viel besser gefällt mir da die Serie eines Mädchens, das - sie ist etwas korpulent, was sich leider in abschätzigen Kommentaren niederschlägt – versucht, den Erlernerinnen des orientalischen Tanzes die Bewegungen besser verständlich zu machen. Sie erinnert mich in ihrer forschen Art ein wenig an meinen früheren homosexuellen Tanzlehrer, der wohl froh sein kann, nicht im Iran zu leben.

Ich hatte mich als Person mit einem ausgeprägten Sinn für zahlreiche Arten von Humor eingeschätzt, aber über die Islamwitze auf YouTube kann ich einfach keine Belustigung empfinden. Nicht, weil ich mich in meinen religiösen Gefühlen verletzt fühle, sondern weil ich einfach nicht weiß, an welcher Stelle ich lachen soll, derart flach sind die Beiträge. Ein Captain Tsubasa-Verschnitt, ein Fußballturnier ausgetragen zwischen „Ungläubigen“ und „Muslimen“, ist da das unumstrittene Highlight.

Kommen wir zurück zur Kultur: Natürlich singen die Níqabi-Schwestern auch. Manche zumindest; und von denen, die es versuchen haben einige eine zum Weinen schöne Stimme – bei ihren Koranrezitationen bekomme ich wirklich Gänsehaut. Ein paar kleine bekopftuchte Mädchen dürfen auch in Fernsehshows auftreten, Mitschnitte findet man freilich in der Internetcommunity. In Großbritannien lassen sich übrigens bis zu fünf Sender empfangen, auf denen in 60% der Zeit Jungen mit weißer Häkelkappe vor- und zurückwippend aus dem Heiligen Buch vorlesen – sie stehen in einem Wettstreit untereinander, teilweise von den anrufenden Zuschauern bewertet. 9Live ganz islamkonform. Im saudischen und libanesischen Fernsehen singen in Kindersendungen die Zeichentrickcharaktere ausschließlich/oft ohne Musikuntermalung – ratet mal wovon. Von Allah und den Engeln, wer hätte es gedacht. Es wirkt bewusstseinsbildender als das Krümelmonster der Sesamstraße. Die liebt übrigens meine Schwester, also die deutsche Variante, meine ich.

Donnerstag, 20. Dezember 2007

Streng religiös

28 Prozent der in Deutschland lebenden Muslime bezeichnen sich als streng religiös.
Wenn dies die Befürwortung der sharia bedeutet, dann Gnade uns Gott. Ich akzeptiere keine Theokratie von selbsternannten Gelehrten, die als beste Tat das Auswendiglernen des arabischen Qur'ans vorweisen können. Bevor jetzt eventuelle muslimische LeserInnen (von den 28%?) die Hände vor die Augen schlagen, möchte ich aussagen, dass ich auch „streng gläubig“ bin. Glauben lässt sich aber nicht messen, sondern nur an Taten festmachen. Deshalb ist die naive Aussage, dass Islam nicht Terror oder Krieg bedeutet, weil im Qur'an oder sonst wo etwas anderes steht oder Muhammad etwas anderes beabsichtigte, einfach falsch. Wenn Muslime in ihrer Religion Elemente finden, die Gewalt rechtfertigen und sie dementsprechend anwenden – was ist das dann, wenn nicht Religion?

Doch halt, streng religiös klingt nach dem gedankenlosen Befolgen archaischer Regeln, die von den Eltern eingetrichtert wurden – wenn nötig mit etwas Gewalt. Ich muss mich korrigieren – ich bin „aufgeklärt konsequent gläubig“. Ich lasse mir nicht von bärtigen imamen, ayatollahs oder ulumas befehlen, was ich zu tun habe oder mir von enthusiastischen Konvertiten eine politische Richtung vorschreiben. Religion muss zum Wohl aller dienen („Jedes Wesen ist perfekt geschaffen“, „Lebe in Frieden mit deinen Nachbarn“, „Vor Gott sind Mann und Frau gleich – da alles vor Gott geschieht, gibt es in keinem Bereich Unterdrückung“), auf dem freien Willen beruhen („Es darf keinen Zwang in der Religion geben“) und das Wachstum („Es ist die Pflicht eines Mannes und einer jeden Frau, nach Weisheit zu streben“) sowie die Verbreitung(„Lehrt, und hört zu!“) von Wissen fördern.*

Die Unterwerfung unter Allah ist der einzige Gradmesser für Tugendhaftigkeit eines Menschen – doch es zählt die Absicht dahinter. Angst vor göttlicher Strafe und der Versuch, Allahs Gunst zu erlangen sind egoistische Gründe! Deshalb müssen wir erkennen, warum eine Tat gut ist und wann etwas verboten ist, nicht nur kopflos irgendwelchen Gesetzen folgen. Das setzt Diskussion über Religion, Praxis und Normen voraus. Deshalb ist kontextuelle Interpretation der Liturgie nötig.
Der Islam ist kein starres Gebilde, sondern ein dynamisches Gesellschaftssystem.

Demzufolge müssen wir uns unter anderem folgende Fragen stellen:
- Was ist der Sinn eines Kopftuches, wie stark war überhaupt die im Qur'an erwähnte Verhüllung, für wen gilt sie, ist sie noch nötig, was bedeutet eigentlich bescheidene Kleidung? (Die Antworten hierfür findet ihr in meiner Artikelreihe über das Kopftuch, noch im Aufbau.)
- Wie ist das tatsächliche Verhältnis der Geschlechter?
- Wem dient welche (angeblich) Machtzuweisung?
- Welche politische Systeme sind möglich oder empfohlen?
- Was bedeutet es in einem Staat mit Gesetzen zu leben? Was wäre ein „Islamischer Staat“? Was ist mit Säkularismus?
- Was ist mit Menschenrechten?
- Was ist der Hintergrund der Nahrungsvorschriften?
- Wann ist Gewalt überhaupt erlaubt? Was sind die Ausnahmen?
- Ist Terror wirklich gerechtfertigt? Ist die Definition von Terrorismus eine Frage des Standpunkts? Was sind die alternativen Taktiken?

Die wichtigste Frage: Was ist der „Geist“ des Islam, welches sind die Kernbotschaften? Nur mit diesem Hintergrundwissen sind Analogieschlüsse, in der Moderne dringend erforderlich, erlaubt!
In diesem Sinne: ijtihad (unabhängige Vernunft) anstatt jihad (Gewalt im Namen des Glaubens)!

*Die Aussagen in Anführungszeichen sind keine direkten qur'anischen Zitate sondern nur authentische Zusammenfassungen bestimmter Botschaften – ohne jegliche ursprüngliche Interpretation.

Dienstag, 18. Dezember 2007

Hunger

Während unserer Zeit in England hatten wir trotz einer willkommenen Vergütung durch den Arbeitgeber meines Vaters (die letztendlich der Anlass für unsere Auswanderung gewesen war) hohe Schulden. Wohnungsmiete und Zusatzkosten verschlangen 90% unseres Einkommens. Meine Mutter erhielt als Ausländerin keine Lehrerlaubnis für britische Schulen. Ich, als ältestes Kind, war noch zu jung um auch nur eine geringe Arbeit aufzunehmen. So begab sich mein Vater morgens um fünf, nach dem Frühgebet, auf Arbeit und würde bis um sieben nicht wieder kommen. Mutter dagegen stand um vier auf. Sie begann den Tag mit einem Gebet, verrichtete danach für eine Stunde die anfallende Hausarbeit – Reinigen, Geschirr (ohne Spülmaschine!), Wäsche. Danach führte sie die Hunde einiger Nachbarn durch die Straßen und trug Zeitungen und Werbung aus. Wir wurden geweckt, ich half meinen Brüdern beim Anziehen, Einpacken und Aufräumen. Danach gab es ein gemeinsames Frühstück – normalerweise billigen Tee sowie eine Portion Getreidebrei, an guten Tagen mit Milch, wenn das Geld knapp war mit Wasser zubereitet. Ich (7) und mein Bruder (4) gingen zur Schule, der Kleine blieb zu Hause. Mutter pflegte bis zum Mittag die Gärten einiger Leute im Vorort, lief dann zwei Kilometer bis zum Stadtzentrum um auf den Markt zu gehen. Dort kaufte sie jeden Tag für uns das Obst vom Vortag, außerdem entweder Bohnen, Linsen oder Gemüse. Weiterhin besorgte sie Lebensmittel für einige ältere Leute, die sie auch bekochte. Sie kam halb drei nach Hause. Auf Grund des Hungers erledigte ich die Hausaufgaben meist nach dem Essen, das oft aus zwei Portionen Obst bestand. Mutter verließ dann wieder die kleine Wohnung, um für vier Stunden in einem Geschäft zu arbeiten. Wenn sie zurück kam, hatte ich schon das „proteinhaltige Gericht“ aufgesetzt, wie wir immer scherzten, Linsen bzw. Bohnen mit verschiedenem Gemüse, dazu von Zeit zu Zeit etwas Jogurt. Vater kehrte ebenfalls zurück, half mir beim Lernen, bügelte und putzte die Wohnung, falls nötig. Vor dem Essen beteten wir alle gemeinsam, wuschen uns erneut. Mutter nähte oder bestickte dann Stoffe, die eine Freundin auf dem Markt verkaufte. Vater spielte mit uns, las uns vor, brachte die Jungen ins Bett. Ich war meist in der Zwischenzeit zu den Füßen meiner Mutter eingeschlafen. Um zehn wurde ich geweckt, wir beteten zur Nacht, danach ging auch ich zu Bett. Meine Eltern würden erst um elf schlafen können. Oft lag ich noch wach, überlegte, wie wir an etwas mehr Geld kommen könnten oder betete einfach nur dass der Hunger aufhörte.

Niemand, ich wiederhole, niemand hat ein intrinsisches Recht auf Wohlstand.
Seid euch dessen besonders zur Weihnachtszeit bewusst.

Montag, 17. Dezember 2007

Levantine

Nach dem Anruf bei dem ägyptischen Zweig meiner Familie wurde mir wieder bewusst, woran ich arbeiten sollte – meinem Dialekt. Wenn man einige Sätze fünf Mal wiederholen muss, weil die Oma, die eigentlich noch - alhamdulillah - ganz gut hört und dann auffällt, dass es die fragliche Vokabel nur im levantinischen Dialekt gibt und man sowieso die Vokale „falsch“ ausgesprochen hat, ist es Zeit sich Sorgen zu machen. Warum kann es nicht nur ein Arabisch geben? Es ist belastend, immer zwischen libanesischem Dialekt, ägyptischem Dialekt und Literaturarabisch wechseln zu müssen. Das ist wie, als würde man gleichzeitig Mandarin und Shanghainese lernen. Schlimmer ist es, wenn man fünf Jahre alte eigene Tagebucheinträge lesen möchte und dazu ein Wörterbuch braucht.
Als ob ich nicht schon genug mit Deutsch zu tun hätte. Skurrilerweise habe ich einen wirklich starken Akzent, während ich meinen Wortschatz und die Grammatiksicherheit als nicht schlecht einschätzen würde. Das ist in sofern merkwürdig, als dass ich ständig von dieser Sprache umgeben bin, im Gegensatz zum Englischen oder Spanischen, bei denen ich fast eine muttersprachliche Aussprache erworben habe. (Ich bin ganz stolz, dass ich vier englische Dialekte nachahmen kann ;-)) Immersion klappt also doch nicht wirklich...

Madrassa ist kein exotisches Reisgericht

Koranschulen und Hinterhofmoscheen machen seit dem 9/11 ständig negative Schlagzeilen als Bastionen der Fundamentalisten.

Auch ich war zwei Jahre lang in einer britischen „Koranschule“ angemeldet, obwohl ich diese Bereichnung nicht gerne verwende, da sie immer "intereuropäisches Trainings- und Rekrutierunglager für Islamisten" impliziert, was bei meiner Schule keineswegs der Fall war. Demnach war die Einrichtung eher eine Art muslimischer Bibelkreis. Zwei Nachmittage in der Woche lasen wir den Qur'an, lernten (meist selbstgewählte) Surenverse auswendig, diskutierten und rezitierten. Die jenigen, die kein Arabisch konnten, lernten es, die anderen trainierten ihr English. Jedesmal gab es danach entweder ein kleineres orientalisches Gericht oder Sandwiches sowie Obst. Wir erzählten von der Schule und von unseren Hobbies, auf English, damit wir die Sprache lernten. Oft haben wir uns gegenseitig bei Hausaufgaben geholfen. Die Klassen waren meist getrennt, das Essen und Erzählen fand geschlechtergemischt statt, außer wenn es einige SchülerInnen nicht wollten. Ein paar mal organisierten die Lehrer auch Ausflüge, in ein Kulturmuseum oder ins Schwimmbad. Bei letzterem wurde sogar ein Becken für wenige Stunden angemietet, damit die (eher orthodoxen) Mädchen fernab von männlichen Blicken und ohne Ganzkörperbadeanzug schwimmen konnten.

Als ich vier Jahre alt war, wurde ich in meinem Urspungsland (ich sage nicht bewusst Heimat) für eine andere Art von madrassaangemeldet. Jeden Tag musste ich hin, wir lernten Lesen und Schreiben, hauptsächlich sprachen wir aber im Chor der völlig verhüllten Lehrerin nach. Warum sie Tschador und Niqab (Schleier) trug, ist mir unverständlich, denn sie unterrichtete ja eine reine Mädchenklasse. Sowieso war das Straßenbild nicht von Tschadors oder Burqas bestimmt, maximal einige sehr reaktionäre Frauen hatten diese zu tragen. Normale Hijabi kamen dagegen oft vor. In den Mädchenkursen wurde uns Gehorsamkeit gepredigt und uns die traditionellen Frauentugenden näher gebracht. Alle trugen traditionelle Kleidung (wie dies in einem deutschen Jugendbuch über Weltreligionen bezeichnet wird), das heißt, weiße Spitzenkopftücher, die bis unter den Brustkorb reichten, so dass wir aussahen wie frische Papiertüllen für Spritzgebäck.

Als meine Eltern erfuhren, wie sehr mich diese Schule belastete, musste ich sie nie mehr besuchen. Der einzige Grund für diese Art von Schulbesuch war nämlich der gewesen, dass ich mein Lese- und Schreibkenntnisse des Arabischen festige, bevor wir nach GB umzogen, nicht, dass ich extremistisch indoktriniert werde.

Trotzdem bin ich keine Terroristin geworden, ich würde mein Leben riskieren, um einen Attentäter an der Ausführung seines Plan zu hindern, wenn ich die Möglichkeit hätte. Außerdem möchte ich darauf hinweisen, dass mein Wissen und meine Redegewandtheit nicht auf gezielter Schulung beruht. Ich weiß, dass manche Muslime darauf trainiert werden, ihren Glauben in der Öffentlichkeit zu verteidigen und jede konstruktive Diskussion mit "dem Westen" zu ersticken und dementsprechende Eloquenz besitzen. Seid versichert, das ist bei mir nicht der Fall.

Lernen und Streben

Ein integraler Bestandteil des Islam ist die Gelehrigkeit. Es ist eine der Anweisungen Allahs, des Allwissenden, dass wir nach so viel Wissen wie möglichs streben sollten. Diese Verse beziehen sich nicht nur auf Glaubensfragen und schließen auch Frauen mit ein.

(Dabei sollten die Gläubigen natürlich aufpassen, nichts "sündiges" zu lernen, d.h. die Skripte von Pornofilmen beispielsweise sollte man nicht auswendig können. ;-) )

Dieses Gebot bedeutet aber auch, dass Frauen entgegen der Fatwas (Gutachten) einiger Rechtsgelehrter nicht nur auf die häusliche Sphäre beschränkt werden dürfen.

Sicherlich sind Rezepte und das Wissen um die Kindererziehung nötig (und selbst in der DDR gibt es hilfreiche, propagandistische Bücher diesbezüglich, obwohl frau ja ihren sozialistischen Mann stand) - aber alleinige Beschäftigung mit Kindern und Qur'an führt zu geistiger Verkümmerung.

Viele Immigrantinnen leben ein tristes Leben in der Wohnung, das einzige Buch der Qur'an, kein Radio, kein TV-Gerät, geschweige denn ein Computer. In dem Heimatland gibt es viel mehr Solidarität, die Frauen treffen sich, teilen Arbeit, Erziehung und Leid. Doch hier sind sie ganz allein.
Als ob sie alle eine angeborene Sünde hätten, die ihren Männern erlaubt, sie im Haus einsperren zu dürfen (...als geistlose Sexsklavinnen...), "bis sich Allah ihrer annimmt oder der Tod sie ereilt", wie es in einer Sure heißt.

Dürfen sie doch einmal raus, ignoriert man sie wegen des Kopftuchs beflissentlich.

Underneath the Veil

Denken und Glauben

Wo Verstand ist, da braucht es nicht viele Worte

Nicht jeder, der einen Bart trägt, ist schon ein Weiser. (arab. Sprichwort)

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